Ahnenforschung

Ahnenforschung? Wieso das? Leben wir nicht im Hier und Jetzt? Ist das nicht alles längst Vergangenheit? Und wieso sollten wir wissen, wie unser Ururgroßvater hieß oder woher dessen Vorfahren kamen? Die Gründe für mein Interesse an Ahnenforschung möchte ich ein wenig erläutern. Familiengeschichten, historische Erzählungen und Chroniken haben mich schon sehr früh interessiert. Bereits als Kind habe ich mit großem Interesse gehört und später aufgeschrieben, was auf Familientreffen erzählt wurde. Bereits im Alter von zwölf Jahren hatte ich akribisch notiert, was meine Großmutter mütterlicherseits von ihrer Familie erzählte. Ich legte Ordner mit Blättern und Karteikarten für jede Person an und schrieb sämtliche Daten und Verwandtschaftsbeziehungen auf.



Doch hatte ich zu dieser Zeit noch keinerlei Informationen über geschichtliche Zusammenhänge, über hugenottische Zuwanderung in den Ort, aus dem ich stamme, und sonstige regionale Besonderheiten. Es ging mir zuerst einmal um meine eigene Abstammung von Bauern und Fährbetreibern und um die Lebensgeschichten meiner nahen Verwandten. Diese mir unmittelbar durch Geburt und vertraute Lebenswelt wurde angereichert durch Erzählungen, Sprache und Verhaltensweisen des biedermeierlich gefärbten Umfelds meines aus Pommern stammenden Großvaters und in Spannung gesetzt zu einer fernen böhmischen Welt der Porzellanmaler und Bergleute, aus der meine Großeltern väterlicherseits stammten. Ihre Geschichten festzuhalten, fand und finde ich spannend.


Saß ich als Teenager noch im Keller des Pfarrhauses und blätterte in den Original-Kirchenbüchern, so steht uns heute eine Fülle an Möglichkeiten zur Verfügung, die Familienforschung voranzutreiben. Das Internetzeitalter veränderte die Forschungslandschaft. Online-Datenbanken ermöglichen beispielsweise, Daten für den Raum Böhmen bequem zu Hause zu sammeln, und im Vergleich dazu weist die Archivforschung im Bistum Würzburg trotz Digitalisierung eher ins Mittelalterlich-Klösterliche zurück, hat aber gerade deshalb ihren ganz eigenen Reiz. Sorgfältiges wissenschaftliches Arbeiten ist angesichts der online bereit gestellten Datenfülle außerordentlich wichtig. Wiederholte Quellenprüfung ist unabdingbar, um nicht Fehler von Fehlern abzuschreiben.

Als ich vor einigen Jahren beschloss, mich wieder der Familienforschung zu widmen, fand ich im Netz einen Hinweis auf das erstaunliche Werk von dem Stockstädter Familienforscher Joseph Fecher, der die Kirchenbucheinträge zwischen 1620 und 1900 publiziert hat. Mir selbst brachte das Buch (hier erhältlich) tiefe Einblicke in eine mir bis dato unbekannte hugenottische Abstammung sowie Informationen über Verwandte in den USA, die im 19. Jahrhundert ausgewandert waren. Dazu vermittelte sie mir, wie eng die verwandtschaftlichen Beziehungen (und damit auch der Genpool) eines Dorfes aufgestellt sind, das sich nach dem Dreißigjährigen Krieg aus wenigen Überlebenden und Zuzüglern neu entwickelte.


Familienforschung ist - so meine ich - nicht nur mit der Vergangenheit verbunden und nicht nur rückwärts gewandt. Viele neue Erkenntnisse und Welten haben sich mir dadurch auch in der Gegenwart eröffnet. Ich erfuhr, warum es für Mitglieder der LDS-Kirche wichtig ist, ihre Vorfahren zu kennen. Ich lernte mehr über historische Ereignisse in der Region und erfuhr Näheres über epigenetische Studien. Ich habe Bücher über genetische Zusammenhänge zwischen Menschengruppen und Völkern und der Weitergabe mitochondrialer DNA über die Jahrtausende gelesen und dabei gedacht, dass es für so manche Heutige nur vorteilhaft wäre zu erfahren, woher die eigenen Gene stammen und mit wem sie selbst genetisch verbunden sind. Die mitochondriale Mutation, auf die viele Europäer sich berufen können, trat beispielsweise vor ca. 10.000 Jahren im Gebiet zwischen der Türkei und Syrien auf, wo damals die ersten Siedler ansässig wurden und Getreide anbauten.

Durch weitreichende Informationen, die die Familienforschung liefern kann, können wir unser Wissen über uns selbst und die Menschheit erweitern. Der fanatische Glaube an unsere Unterschiedlichkeit und an Nationalitäten und Rassen wird dadurch relativiert und gemäßigt. Wir sind letzendlich alle eins und stammen von wenigen gemeinsamen Vorfahren ab. Wir sind alle miteinander verbunden! Und ich freue mich besonders über die vielen regionalen, nationalen und internationalen Kontakte zu anderen Familienforschern und Verwandten, die ich ohne Familienforschung niemals kennen gelernt hätte.